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Im Reich der Fee Morgana
H. Joachim Schlichting
Da trieben sie hin, und das Serab
trat zwischen sie.
Lebid (Mo` allakah)
Spätestens seit Johann Wolfgang von Goethe ist
der Name Fata Morgana im Deutschen Sprachge-
brauch bekannt. Er geht auf die Fee Morgana zu-
rück, die als eine Halbschwester des sagenumwobe-
nen König Artus gilt. Auf der Apfel- oder Glücksin-
sel lebten neun Schwestern, deren älteste, Morgue,
die Heilkräfte aller Kräuter kannte und die Kunst
beherrschte, ihre Gestalt zu wechseln, um sich wie
ein Vogel in die Luft zu schwingen (Geoffrey of
Monmouth). Die Fee Morgana gibt sich der Sage
nach in besonders eindrucksvollen Luftspiegelun-
gen zu erkennen und übt auf dies Weise ihre Macht
aus. Italienischen Quellen zufolge wohnt sie sogar
in einem Palast über den Meereswogen, der u.a. in
der Meeresstraße von Messina gesehen wurde. Seit-
dem werden immer wieder Luftspiegelungen, vor
allem solche, die aus einzelnen Felsen und Klippen,
überwältigende phantasievolle Säulen, Mauern und
ausgedehnte Paläste hervorzaubern mit der Fee
(Fata) Morgana identifiziert.
Schon im Altertum wurden Luftspiegelungen beob-
achtet und genau beschrieben. So liest man in der
Odyssee von Homer:
Dorthin drohn zween Felsen: der eine berühret den
Himmel
Mit dem spitzigen Gipfel, vom düsterblauen Gewöl-
ke
Rings umhüllt, das nimmer zerfließt; und nimmer
erhellen
Heitere Tage den Gipfel, im Sommer oder im Herb-
ste.
Keiner vermöchte hinauf und keiner hinunter zu
steigen....
Und Plinius schreibt: ...in Skythien gibt es eine
Landschaft, wo sich große Heere von Menschen
und Schafen in der Luft sehen lasse.
Seitdem es eine naturwissenschaftliche Erklärung
für Luftspiegelungen gibt, hat sich die Fee Morgana
weitgehend zurückgezogen, obwohl ihre Gebilde
bis in den Alltag der wissenschaftlichen technischen
Welt reichen und sich hier u.a. wie Wasserlachen
auf heißen Asphaltstraßen ergießen, worin sich die
Autos und der Himmel spiegeln. Schriftsteller und
Poeten machen auf diese Naturerscheinung in ihren
zahlreichen und unauffälligen bis überwältigenden
Varianten immer wieder aufmerksam:
Dieses Jahr ist die Hitze kaum zu ertragen. Aus
dem Fenster sehe ich den Dunststreifen über dem
glühenden Asphalt der Straße (Undine Gruenter).
In der aufsteigenden Hitze verschwammen die
Konturen, die Straße flimmerte, schien unter Was-
ser zu stehen, aber Körberg erkannte auf den ersten
Blick das ehemalige White House wieder (Patrick
Dévalle).
Welch eine gute Reklame wären sie für eine Bar in
Houston an einem Augustabend, wenn die Luft vor
Hitze zittert, die Rücklichter der Autos wie ein Band
aus glühender Kohle durch den Telegraph Drive
gleiten und der Duft von verbranntem Gras die
ganze Stadt durchzieht... (Lars Gustafsson).
Wüstengebiete sind ein bevorzugtes Areal der Fee
Morgana. Hier herrschen häufig extreme Tempera-
turunterschiede zwischen einzelnen Luftschichten,
ideale Bedingungen, die Luft flimmern, Grenzen
zwischen den Gegenständen fließen und die Kontu-
ren zugunsten neuer Fantasiegebilde verschwimmen
zu lassen. Deswegen stammen zahlreich Beschrei-
bungen der Fata Morgana aus dem arabischen
Sprachraum, wo sie Serab genannt wird. Sie wird
von Teblebi, einem Schüler des arabischen Ge-
lehrten Hariri (1054 – 1122) folgendermaßen dar-
gestellt: Serab ist eine Art Wasser, das in der Wüste
auftaucht beim Schein der Sonne zur Mittagszeit,
fließt frei auf der Oberfläche der Erde, nicht anders
als fließendes Wasser.
Bei dem ebenfalls arabischen Dichter Abu`l` Ocla
heißt es: Sagst du etwa, die Sonne in der Wüste sei
Gold und ausgebreitetes Silber, das du begehrst,
wenn du ihren Dunst den Sand verbergen siehst?..
Und Lebid (Mo` allakah) sagt: ... wenn am Mittag
die Schimmer tanzen und die Mäntel des Serabs ih-
re (der Wüste) Hügel umhüllen...
Auch in der zeitgenössischen Literatur ist die Fata
Morgana nach wie vor präsent: In einer Landschaft,
die von der Hitze entfärbt war, wirkten die paar
hundert Palmen zuerst nur wie ein grauer Streifen
am Horizont – ein Streifen, dessen Breite sich bei
Anschauer veränderte, der sich wie ein träge flie-
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ßendes Band bewegte: ein breites Band, ein langes
grauer Kliff, dann nichts, dann wieder die eine fei-
ne Bleistiftlinie zwischen Himmel und Erde. (Paul
Bowles).
Ringsum nichts als Sand, die rötlichen Gebirge in
der Ferne, ferner als man vorher geschätzt hat, vor
allem Sand und nochmals Sand, gelblich, das
Flimmern der heißen Luft darüber, Luft wie flüssi-
ges Gas. (Max Frisch). Das sandige Tal zu unseren
Füßen mündet in eine Sandwüste ohne Steine ein,
dessen gleißendes weißes Licht in den Augen
brennt. So weit das Auge reicht nichts als Leere.
Aber am Horizont tauchen aus den Lichtspielen
geometrisch angeordnete Luftspiegelungen mit
senkrechten Linien auf (Antoine de Saint- Exy-
pèry).
Als wir erstmals den Durst kennenlernten, sahen
wir zur Stunde der Mittagsglut, wie sich eine Fata
Morgana aufbaute. Mit reinen Linien spiegelte sich
die geometrische Stadt in den ruhigen Wassern
(Antoine de Saint- Exypèry).
Aber auch über dem Meer und Wattgebieten kön-
nen starke Temperaturunterschiede in den Luft-
schichten auftreten und Luftspiegelungen hervorru-
fen. Der fliegende Holländer, der Klabautermann
und vielleicht auch das Seeungeheuer von Loch
Ness, sind vermutlich Geschöpfe der Fee Morgana.
Die phantastischen Erscheinungen haben nicht sel-
ten phantastische Geschichten entstehen lassen, wie
etwa die folgende: Bei der Insel Usedom ist eine
Stelle im Meere, eine halbe Meile von der Stadt
gleichen Namens, da ist eine große, reiche und
schöne Stadt versunken, die hieß Vineta. Sie war zu
ihrer Zeit eine der größten Städte Europas, der
Mittelpunkt des Welthandels zwischen den germani-
schen Völkern des Ostens. Überaus großer Reich-
tum herrschte allda. Die Stadttore waren von Erz
und reich an kunstvoller Bildnerei, alles gemeine
Geschirr war von Silber, alles Tischgerät von Gold.
Endlich aber zerstörten bürgerliche Uneinigkeit
und der Einwohner ungezügeltes Leben die Blüte
der Stadt Vineta, die an Pracht und Glanz und der
Lage nach das Venedig des Nordens war. Das Meer
erhob sich, und die Stadt versank. Bei Meeresstille
sehen die Schiffer tief unten im Grunde noch die
Gassen die Häuser eines Teiles der Stadt in schön-
ster Ordnung, und der Rest Vinetas, der hier sich
zeigt, ist immer noch so groß wie die Stadt Lübeck.
die Sage geht, das Vineta drei Monate, drei Wo-
chen und drei Tage vor seinem Untergang auch als
Luftgebilde erschienen sei mit allen Türmen, Palä-
sten und Mauern, und kundige Alte sollen die Ein-
wohner gewarnt haben, die Stadt zu verlassen;
denn wenn Städte, Schiffe oder Menschen sich dop-
pelt sehen lassen, so bedeutet das vorspukend si-
cheren Untergang und das bevorstehende Ende –
jene Alten seien aber verlacht worden. An Sonnta-
gen bei stiller See hört man noch über Vineta die
Glocken aus der Meerestiefe heraufklingen (Lud-
wig Bechstein).
Da extreme Temperaturinversionen in der Luft oft
Unwettern vorausgehen und in früheren Zeiten in
Katastrophen enden konnten, wurden Luftspiege-
lungen auch als Vorboten für dramatische Ereignis-
se gesehen. In Goethes Faust wundert sich der Kai-
ser über die Erscheinungen und erhält von Faust die
folgende Erklärung: Vernahmst Du nichts von Ne-
belstreifen, / Die auf Siziliens Küsten schweiften? /
Dort, schwankend klar, im Tageslicht, / Erhoben zu
den Mittellüften, / Gespiegelt in besondern Düften, /
Erscheint ein seltsames Gesicht: / Da schwanken
Städte hin und nieder, / Wie Bild um Bild den Äther
bricht (Johann Wolfgang von Goethe).
Auch im Schimmelreiter von Theodor Storm wird
die Luftspiegelung zu einer Vorwegnahme der sich
anbahnenden Katastrophe: ... und die Spiegelung
hob in diesem Augenblick das Meer wie einen flim-
mernden Silberstreif über den Rand des Deiches, so
daß es blendend in die Kammer schimmerte.
Die Fata Morgana wurde schon früh als Täuschung
erkannt und immer wieder als Metapher für die
„Vorspiegelung“ (sic!) falscher Tatsachen benutzt.
So heißt es in der Sure 24, Vers 39 des Koran: Der
Ungläubigen Werke sind dem Serab (Fata Morga-
na) in einer Ebene gleich: Der Durstende hält es
für Wasser, bis er hinkommt und findet, daß es
nichts ist.

   

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