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II. 

Streit am Himmel  

Vorderasiatisches Altertum

 

Den Ger warf Odin
ins Gegnerheer:
der erste Krieg [folkvig]
kam in die Welt;
es brach der Bordwall
der Burg der Asen,
es stampften Wanen
streitkühn die Flur.21

 

DIE ERSTEN KRIEGE, von denen Menschen berichten, sind in mythisches Dunkel gehüllt. In den ältesten Sagen und Mythen stampfen die Helden und Völker bereits waffenstarrend daher, doch ihre Schutz- und Trutzwaffen sind niemals die Ursachen der Kriege und Kämpfe. Die Ursachen liegen zu Anfang stets bei den Göttern, die ihre geistigen Kämpfe austragen. Der Mensch tritt ihnen zunächst nur helfend zur Seite oder wird von ihnen zum Kampf veranlaßt. Später, im Sinne einer relativen Chronologie, setzen sich die Menschen auch aus eigenem Antrieb bewaffnet auseinander, die Götter greifen dann lenkend, Rat erteilend und durch ihr Urteil den Ausschlag gebend ein. Die Esoterik kennt den »Streit am Himmel«, den Kampf zwischen den fort­geschrittenen und den zurückgebliebenen Mächten mit Beginn der dritten planetarischen Entwicklungsstufe, wobei es sich um gewaltige Geisteskämpfe handelte. Die Lehre vom Streit am Himmel enthält das Urgeheimnis über die Entstehung des Bösen.22

Nach Rudolf Steiner sind die Planetoiden, die sich zwischen Mars und Jupiter befinden, die Trümmer des großen Schlachtfeldes, auf dem der Kampf zwischen diesen fortgeschritteneren und den zurückgebliebenen Mächten stattfand.23

Von Kämpfen in der geistigen Welt, die von höheren Wesenheiten ausgefochten werden, spricht Rudolf Steiner noch im Zusammenhang mit den Ereignissen von 1914. Daß es sich dabei nicht um Kämpfe mit materiellen Waffen handelt, braucht nicht besonders betont zu werden. Sie bedeuten »ein Zusammenwirken zur Ausgestaltung eines Fruchtbaren«.24 Vom ge-

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waltigsten aller Kämpfe in der geistigen Welt berichtet die Offenbarung des Johannes 12,7-9: 

»Und es erhub sich ein Streit im Himmel: Michael und seine Engel stritten mit dem Drachen; und der Drache stritt und seine Engel, und siegeten nicht, auch ward ihre Stätte nicht mehr gefunden im Himmel. Und es ward ausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt der Teufel und Satanas, der die ganze Welt verführet, und ward geworfen auf die Erde, und seine Engel wurden auch dahin geworfen.« (Übersetzung nach Martin Luther) 

Und Emil Bock übersetzt: 

»Und es entbrannte ein Streit in der Himmelswelt. Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte inmitten seiner Engel. Aber seine Kraft versagte, und so fand sich für seine Schar im Himmel keine Wirkensstätte mehr. Es ward gestürzt der große Drache, die Schlange vom Urbeginn, die zugleich diabolischer und satanischer Natur ist, der Verführer der ganzen Menschheit.«

 

Alle Völker berichten in ihren Sagen und Mythen von diesen Götterkämpfen in der geistigen Welt. Sie als Volkspoesie oder kindliche Phantasien abzutun, konnte nur dem materialistischen Geist des 19. und 20. Jahrhunderts einfallen. Zum Teil handelt es sich bei ihnen um uraltes Wissen von dem Streit am Himmel oder um Urerinnerungen an die atlantische Zeit;25 das muß aber in Einzeluntersuchungen einer jeden Sage und eines jeden Mythos geprüft werden, die nicht hierher gehören. Für unseren Zweck genügt es, einzelne Beispiele anzuführen. Vom Wanen- und Asenkrieg der Germanen wurde schon im ersten Kapitel gesprochen. Bei den Griechen wurde der Urvater des ganzen Göttergeschlechts von seinem jüngsten Sohn Chronos, dem Vater der Zeit, entmannt und vom Thron gestoßen. Chronos heiratete seine Schwester Rhea, verschlang aber die Kinder, die sie gebar, bis Rhea ihren dritten Sohn, Zeus, seinen Nachstellungen entzog, indem sie ihn in einer Höhle verbarg. Zeus aber entfesselte den Krieg und zerschmetterte Chronos mit seinem Blitz. Vom »Streit am Himmel« berichten die Perser, bei denen die »Söhne des Lichtes« unter Führung des Ahuramazda gegen die »Herren der Finsternis« unter Führung des Ahnman im ersten Krieg kämpfen. Dabei »verdreifachte« sich Ahuramazda, entfernte sich so weit von der Sonne, wie diese von der Erde entfernt ist, schmückte den Himmel mit Sternen und setzte über sie den Sirius. Darauf tat er 28 von ihm erschaffene Götter in ein »Ei«, womit er ein anderes, mit den Wesen des Ahriman bemanntes Ei durchbohrte. So ist das Böse auf die Erde gekommen. Doch es sollte sich die Schicksalszeit nahen, in der Ahriman Pest und Hungersnöte über die Menschen bringt. Das gerät dann auch zu seinem eigenen Untergang.26

Das Sibyllinische Orakel berichtet vom »Krieg der Gestirne«:

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Einer glänzenden Sonne Drohung unter den Sternen sah ich und eines Mondes schrecklichen Zorn in Blitzen.
Die Sterne waren Kampf gebärend, Gott ließ sie kämpfen.
Anstelle der Sonne lange Flammen fuhren durcheinander.
Der Morgenstern lenkte die Schlacht, indem er den Rücken des Löwen bestieg.
Des Mondes zweigehörnte Trauergestalt änderte sich.
Der Steinbock stieß zurück des jungen Stiers Nacken;
Der Stier aber raubte dem Steinbock den Tag der Heimkehr.
Und die Waage verdrängte den Orion, so daß sie nicht mehr blieb.
Die Jungfrau tauschte sich im Widder das Los der Zwillinge ein.
Die Pleiade schien nicht mehr.
Der Drache verleugnete den Gürtel.
Die Fische verkrochen sich gegenüber dem Gürtel des Löwen.
Der Krebs hielt nicht stand, denn er fürchtete den Orion.
Der Skorpion geht auf den Schwanz des schrecklichen Löwen los.
Und der Hund glitt ab infolge der Flamme der Sonne.
Der Wassermann aber entzündete die Macht des starken Leuchtenden.
Es erhob sich Uranus selbst, bis er die Kämpfer erschütterte, erzürnt sie vorn über zur Erde hinabschleuderte.
Jählings also hinabgestürzt zu des Okeanos Bart, entzündeten sie das ganze Land. 
Es blieb sternlos der Äther.
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Bei den Madagassen, außerhalb des europäischen Kulturraums, brach der erste Krieg bei der Trennung des Himmels von der Erde aus, beim Streit der Götter des Oben und des Unten, die einander mit Feuerstürmen und Meteoritenregen bekämpften.28 Auch die um 2300 v.Chr. ins Licht der Geschichte tretenden Hethiter berichten im »Gesang des Ullikummi« vom ersten Krieg als einem Streit der Götter, der zur Trennung von Himmel und Erde führte.29 Ebenso ist bei den Chinesen die Trennung des Himmels von der Erde der Anlaß zum ersten Krieg. Darin besiegt der dem persischen Ahuramazda vergleichbare Gott Fu-hsi das fliegende gehörnte Ungeheuer Kung-kung, das dem Ahriman vergleichbar ist. Auch hier entsteht durch den Kampf des feindlichen Brüderpaares der Gegensatz zwischen Gut und Böse.30

Es wurde schon erwähnt, daß es sich bei diesen Göttern nicht immer um ganz hohe geistige Wesenheiten handelte, wie das deutlich etwa beim Streit am Himmel, dem geschilderten Götterkampf bei den Chinesen und dem Streit Ahuramazdas gegen Ahriman der Fall war: Sehr oft liegen auch atlan-

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tische Erinnerungen vor: 

»Nicht allein Griechen und Germanen, europäische Zweige der weißen Rasse, erinnerten sich mythenseherisch der atlantischen Urzeiten, da die Götter als Geisteslehrer und Priesterkönige unter den Menschen wandelten, - sondern ebenso deutlich die Indianerstämme Mittelamerikas, gleichsam am anderen Ende der Atlantis. Und das Allermerk­würdigste ist, daß den Germanen wie den Indianern gleichermaßen höchst heilig war, eine gottmenschliche Heroen-Gestalt der Urzeit mit Namen – Votan, die im Luftwesen der Erde und im Atem der Seele erlebt wurde. Alexander von Humboldt war einer der ersten, die dies mit Staunen bemerkten. Je gründlicher man in der Folgezeit die heiligen Schriften der Maya- und Quiche-Indianer studierte, desto besser lernte man den mittelamerikanischen >Votan< kennen! Donnelly, der so viele wichtige Daten zusammengetragen hat, erwähnt auch den sehr bedeutsamen Ausspruch Humboldts: >Wir haben die besondere Aufmerksamkeit des Lesers auf diesen Votan oder Wodan gelenkt, einen Amerikaner, der desselben Stammes zu sein scheint, wie die Wods oder Odins der Goten und Kelten. Nachdem Odin und Buddha höchstwahrscheinlich dieselbe Person gewesen ist, so ist es bemerkenswert, daß in Indien, Skandinavien und Mexiko die Namen »Bondvar« und »Wodansdag« gleichzeitig den Namen eines kleinen Zeitabschnittes bedeuten.<«31

Dieses Beispiel sollte angeführt werden, um die ungeheure Verbreitung dieser Vorstellungen und dieses Wissens zu belegen.

Aus dem Streit am Himmel wurde somit spätestens in atlantischer Zeit der Krieg auf Erden, in dem die Menschen an der Seite ihrer Götter, die ja ihre Priesterkönige und Geistesführer waren, in den Kampf eingegriffen. Ihre Begabung zur Kriegführung erhielten die Germanen, wie die »Edda« berichtet, von den Äsen, vornehmlich von Wotan, der bedeutungsreich auch der Gott der Sprache und damit der Trennung der einzelnen Völker ist. So läßt sich auch durch ihre Hingabe an die Götter und ihre geistigen Führer das Fehlen der Todesfurcht, ja bei den Germanen geradezu eine Todessehnsucht, erklären, ein erstrebtes Sterben, um in Walhall die Wiedervereinigung mit den Göttern zu erleben. Darüber hinaus war die Verkörperung bei ihnen wie bei allen alten Völkern jener Zeit vor dem Einbruch des Kali Yuga so locker, daß sie auch während des Erdenlebens ein gewisses Bewußtsein von der Welt hatten, in der die Toten leben. Dadurch konnten sie ohne erhebliche Todesfurcht sterben.32

Erst im Lauf des 2. vorchristlichen Jahrtausends kommt es, zunächst bei einigen Hochkulturen wie etwa den Hethitern, allmählich dazu, daß das blinde Vertrauen in die Götter, das eine solche Furchtlosigkeit voraussetzt, schwindet. Dafür wird der menschliche Egoismus stärker, der materielle

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Vorteil wichtiger und das Anrufen der Götter bei Aufständen und Schlachten zu einer Scheinhandlung. Die Sagen von Kriegen zwischen Göttern und Titanen, Riesen, Cyklopen und ähnlichen Wesenheiten sollen hier nicht behandelt werden, weil sie zum Teil, wie etwa Thors Kampf gegen die Thursen und Jöten, Kämpfe schildern, die sich nicht in der geistigen Welt oder auf dem irdischen Plan, sondern im Innern des Einzelmenschen vollziehen. Betont werden soll nur noch, daß der Krieg bereits in der atlantischen Zeit auf der Erde herrschte. Diese Tatsache sowie in der Folge Sklaverei, Auswanderungen und Kolonisationen hatten auch die durchaus positive Wirkung einer starken Mischung der Menschengruppen untereinander. Auch der feststellbare Blutdurst, der bis kurz nach der Zeitenwende die Kriege kennzeichnete, in denen ohne Mitleid und Erbarmen der besiegte Gegner, wenn er nicht als Sklave taugte, getötet wurde, kann vor dem Hintergrund gesehen werden, daß in der frühen Zeit die jungen siegreichen Völker das Positive aus den Blutskräften der besiegten alten aufnahmen.33

Noch einmal wenden wir unseren Blick zur alten Atlantis zurück. Zum mindesten seit dem von den Tolteken beherrschten dritten Zeitalter kann dort von kriegerischen Verwicklungen gesprochen werden, nannten sich doch die Tolteken selbst nach einem uralten Gedicht Chichimeken, das sind die Bogenschützen.34 Mit der vierten atlantischen Unterrasse, in der die Urturanier, Ugrer und Türken entstehen sollten, tauchten die Menschenseelen immer tiefer in den Leib ein, wobei die sinnlichen Triebe des Blutes das Nervensinnesleben durchsetzten. Die dadurch entstehende und ständig wachsende Selbstsucht führte zum Mißbrauch der Mysterienweisheit und zur Magie. Diese Turanier wurden immer mehr vom ahrimanischen Kriegsdämon erfaßt. Scott-Elliot schildert sie wie folgt: »Jeder Häuptling war auf seinem Gebiete unumschränkt, und der König war nur der Erste unter Gleichen. Die Häuptlinge, die seinen Rat bildeten, ermordeten gelegentlich ihren König und setzten einen der ihren auf den Thron. Die Turanier waren eine unruhige und gesetzlose Rasse - roh und grausam. Die Tatsache, daß zu gewissen Zeiten ihrer Geschichte Regimenter von Frauen mit in den Krieg zogen, ist für die letztgenannten Charakterzüge bezeichnend.«3' Der Egoismus war in ihnen so mächtig geworden, daß sie nicht mehr für das Gute kämpfend eintraten, sondern sich ganz dem Machtstreben und damit den satanischen Mächten auslieferten.

In seinem berühmten Bericht über die Atlantis schildert platon den Krieg der Atlantier gegen die vorindogermanische Bevölkerung des Mittelmeerbeckens. Zum ersten Mal wird dabei auch die Bewaffnung letzterer erwähnt, die aus Speer und Schild bestand.36 Dieser Krieg endete mit einer Niederlage der Atlantier und leitete ihren Untergang im 10. Jahrtausend

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v.Chr. ein, der schließlich durch riesige Wasserkatastrophen besiegelt wurde, zu einer Zeit, der in Europa die letzte Eiszeit entspricht.

Wenden wir uns nach dieser grauesten Vorzeit in einigen Beispielen den nachatlantischen Völkern zu, was in unserem Rahmen wiederum nur in Schlaglichtern geschehen kann. Dabei wird das Bild von den Kriegen und den kämpfenden Menschen immer plastischer. Nach dem Streit am Himmel, dem Kampf des Guten gegen das Böse, wird der Mensch immer mehr auf die materielle Ebene herabgezogen. Nur so sollte es ihm möglich werden, seine volle persönliche Freiheit zu erringen. Im Wesen dieser Freiheit aber liegt es auch, daß er aus allem sowohl Gutes als auch Schlechtes machen kann, meistens bewirkt er mit seinen Taten beides.

In unserem, dem nachatlantischen Zeitalter durchläuft die Menschheit Epochen, die in gewisser Weise in den verschiedenen Epochen der atlantischen Zeit wurzeln und diese unter jeweils anderem Vorzeichen wiederholen. Die dargestellte egoistische Lebensweise der Urturanier mit ihrem nach Macht strebenden »bolschewistischen« Staat und dessen Kriegswesen ist dafür ein beredtes Beispiel.

 

 

Inder

Bei den Indern beginnen die Kämpfe im zweiten der vier Weltzeitalter; sie steigern sich im Lauf des darauffolgenden dritten, bis das Kali Yuga, das finstere Zeitalter, anbricht. Im »Vishnupurâna«, dessen Kern vielleicht bis in den Anfang des 1. Jahrtausends v. Chr. zurückverlegt werden kann, wird das Kali Yuga wie folgt geschildert: »Während des letzten Zeitalters regieren Barbaren und andere Leute niedrigster Herkunft sowohl an den Ufern der fünf Ströme und in Kashmir als auch sonst überall auf Erden. Das sind Menschen ohne jede Kultur, gewalttätig, voller Arglist und anderer Schlechtigkeiten ; sie töten mitleidlos Frauen, Kinder und die heiligen Kühe, rauben, was anderen gehört, doch haben sie nur wenig Kraft; rasch steigen sie empor, um desto schneller gestürzt zu werden. Ihr Leben währt nur kurz; um so größer ist ihre Gier. Und sie glauben nicht an die Götter. Indem sich die Völker mit ihnen mischen, nehmen sie barbarische Sitten an, geraten in Unordnung und gehen zugrunde. Mit dem von Tag zu Tag fortschreitenden Verfall von Wohlstand, Sitte und Gesetz taumelt die Menschheit ihrem unabwendbaren Ende entgegen. Der Wert eines Menschen wird nun nach seinem Besitz bemessen, seine Frömmigkeit nach dem äußeren Schein. Das Verhältnis zwischen Mann und Weib beruht nur mehr auf reiner Sexualität,

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Erfolg vor Gericht, auf der Kunst zu lügen. Allein um ihres Körpers willen werden Frauen geliebt, die Erde ihrer Bodenschätze wegen. Auf Ehrlosigkeit beruht die Existenz, des Lebens Sicherheit auf Schwäche. Das Studium besteht in Einschüchterungs­versuchen und Anmaßungen, die Religion in dünkelhafter Erfüllung leerer Formen, die Ehe als Interessen­gemeinschaft, die Würde im Tragen eleganter Kleider . . . Wenn nun alle Moral und Frömmigkeit, wie sie in den Schriften gelehrt werden, dahin sind und das Kali Yuga zu Ende geht, wird Brahma, der Weltenherr, in seiner Verkörperung als Kalki auf der Erde erscheinen . . . Und alle Barbaren, Bösewichter und Gewalttätigkeiten durch die Macht seines Geistes vernichten. Danach erst bricht das Goldene Zeitalter an.«37 Ist damit unsere Zeit nicht zutreffend geschildert?

Doch auch bei den Indern ist der Krieg auf Erden eine materielle Folge des »Michaelskampfes«. In den »Veden« wird geschildert, wie Indra seinen »mit falben Rossen bespannten Wagen« besteigt und an der Spitze der Maruts, der Sturmgötter, durch den verdüsterten Himmel jagt, um die Daityas und Asuras, die Feinde seiner irdischen Schützlinge, zu bekämpfen und den furchtbaren Himmelsdrachen Virtra zu vernichten, der alles Leben auf der Erde erstickt. Im »Rigveda«, das mit Sicherheit bis auf das Jahr 1200 v.Chr. zurückgeht, wahrscheinlich aber noch weit früher verfaßt wurde, beten die Krieger vor der Schlacht zu ihrem Schirmherrn Indra:

Ein Herrscher bist du, gewaltig und hehr, 
ein Vertilger der Feinde, dem niemand gleicht, 
besiegt und erschlagen wird nimmermehr, 
wem du in Gnaden dich zugeneigt.

Ein Stammesfürst, der das Heil uns schafft, 
der den Drachen tötet, den Feind bezwingt, 
Geh uns, Indra, voran ein Stier an Kraft, 
der die Furcht verscheucht und den Soma trinkt.

Den schrecklichen Unhold jage hinaus 
und, Indra, des Drachen Kiefer zerbrich, 
und den Grimm, du Drachentöter, treib aus 
dem Widersacher, das bitten wir dich.

Von Gegnern, Indra, mache uns frei, 
den feindlichen Streiter schlag' aus dem Land, 
und wer uns bedroht und verfolgt, der sei 
ins tiefste Dunkel von dir gebannt.

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Vor dem Hasse des Feindes schaffe uns Ruh, 
daß, Indra, sein Hieb uns nicht treffen mag, 
vor seinem Grimme beschirme uns du 
und lenke weit ab von uns seinen Schlag.38

 

Näheres über die Kriegführung der Inder selbst erfahren wir dann aus der »Bhagavad-gitâ«, »der vom Erhabenen [Bhagavad] in gebundener Sprache vorgetragenen Rede [gitâ]«, deren Entstehungszeit vielleicht bis ins 5. Jahrhundert v. Chr. angesetzt werden kann, obwohl der Text im Lauf der Zeit noch manche Veränderung erfahren haben wird. Sie umfaßt die Gesänge 25-42 des 6. Buches im Heldenepos »Mahäbhärata«. Es wird der Kampf zwischen den beiden nah verwandten Fürstenfamilien der Kauravas und der Pändavas geschildert. Die Heere der beiden Parteien stehen einander kampfbereit auf dem Kuru-Feld in der Gegend des heutigen Delhi gegenüber. Da erblickt der Pändu-Prinz arjuna (j-j engl. John) auf der feindlichen Seite seine Verwandten und Lehrer. Er zögert, den Kampf zu beginnen. Die enge Bindung des Kampfgeschehens an das Göttliche stellt ihm nun der Lenker seines Streitwagens Krishna dar, der ihn an seine Kriegerpflicht erinnert und ihm klarmacht, daß er unbekümmert um die durch den tragischen Kampf hervorgerufenen Folgen kämpfen müsse. Nur die Leiber tötet der Held, nicht aber das Geistige in ihnen. Auf dem Höhepunkt seiner Darlegung der verschiedensten ethischen und metaphysischen Probleme offenbart sich Krishna dem arjuna in seiner göttlichen Gestalt als Vishnu, der alles hervorbringt und nach seinem Willen wieder vernichtet. Schließlich erklärt arjuna, alle seine Zweifel seien nun geschwunden und er werde den Befehl Krishnas erfüllen. So beginnt die große Schlacht, die mit dem Untergang der meisten Helden endet. Das »Mahâbhârata« schildert dann im einzelnen, wie sich das kriegerische Geschehen vollzog, dem Opfer und magische Anrufungen vorausgingen. Auch hier zeigt sich die Verbindung der bewaffneten Auseinandersetzung mit der göttlichen Welt.

Vor dem Beginn der Schlacht setzte man bestimmte Regeln fest, die eine Kampfführung im ritterlichen Geist gewährleisten sollten. Wie sie aussahen, das zeigt sich im Folgenden, zugleich auch die Rolle des Zweikampfes als Gottesurteil. Auffällig dabei ist, daß der Gott die eine Seite, nämlich die arjunas, von Anfang an begünstigt und damit zum Sieger bestimmt. Aus dem Erscheinen des Gottes als Wagenlenker des arjuna geht aber hervor, daß der alte Inder sein Schicksal noch völlig in der Hand des Gottes geborgen wußte, wie es auch noch dem Bewußtseinszustand zur Zeit der Abfassung des Heldenepos entsprach. Und noch ein Zweites: Die eigentlich Handelnden im Epos sind allein die Helden, die von ihrem Streitwagen aus den

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Kampf entscheiden. Noch steht der Fürst als Ich-Träger für die ihm blutsverwandte Sippe und für seinen Stamm.

Im regelrechten Kampf, der jetzt entbrannt ist, laßt uns kämpfen auch, 
allein auf ritterliche Art, wie es von alters her Gebrauch.

Wer nur mit Worten kämpft, der soll bekämpft nur werden mit dem Wort, 
und niemals darf man töten den, der aus dem Kampf gegangen fort.

Ein Reiter kämpft mit Reitern nur, Fußvolk mit Fußvolk, Elefant mit Elefant, 
im Wagenkampf hält Wagen gegen Wagen stand.

Es kämpft mit Kraft, wie er's vermag und angestrengt, ein rechter Mann, 
nie greift er den erschöpften Feind, nie greift er ohne Anruf an,

Den, der in einem Zweikampf steht, der achtlos abgewandt sich hat, 
kein Schwert führt, keinen Panzer trägt, ihn töten, wäre Freveltat.

Zugtiere und jedweden, der den Wagen lenkt, die Waffen trägt, 
die Pauke schlägt, die Muschel bläst, man nie verletzt und niederschlägt.

 

Außerordentlich lebendig schildern die folgenden Verse den Auszug der beiden Heere:

Die Nacht versank, aufdämmerte der helle Morgen, da. begann
gewalt'ger Lärm, es riefen laut die Könige: »Spannt an, spannt an.«

Der Muschelhörner Klang, Geschrei der Schlacht, der Pauken dumpf Getön,
der Rosse Wiehern und Gestampf, der Wagen rasselndes Gedröhn,
der Elefanten wildes Schrei'n, dazu der Kämpfer lauter Ruf,
all das im Durcheinanderklang ein mächtiges Getöse schuf.
O König, sichtbar werden nun die Pändus und die Söhne dein,
mit unabwehrbarem Geschoß im Panzer- und im Schwerterschein.

Der Deinen Heer, der Feinde Heer, in Wehr und Waffen starrend ganz,
jetzt sind sie sichtbar auf dem Feld, im hellen Morgensonnenglanz.
Die Elefanten und dazu Streitwagen, die an Goldschmuck reich,
den Donnerwolken draus der Blitz aufsprühend, zuckt und leuchtet
gleich,
die Wagenzüge sind zu sehen als reihte Stadt an Stadt sich dicht,
dein Vater aber strahlte dort, so wie der Mond in vollem Licht.

Mit Bogen, Speeren, Schwert und Spieß und Keulen stellte sich der Hauf'
im Schmuck der Waffen schimmernd hell zur Schlacht in langen Reihen auf.
Die Elefanten, Pferdetrupps, die Wagen und der Kämpfer Schar, 
sie standen dort zu Tausenden, als ob ein Netz gebreitet war.

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Ein jedes Heer ein Ozean – im Ozean ein Schlangenheer –
und fetzt wie beim Weltuntergang, stürzt urgewaltig Meer in Meer.
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In diesen Versen sind deutlich Waffengattungen, Bewaffnung und Kräftegliederung eines Heeres mit seinen Versorgungsteilen zu erkennen. Weitere Einzelheiten gehen aus dem »Artha-shästra« des Kauulya, einem Handbuch der Politik und Staatsverwaltung, hervor, das dem berühmten Kanzler des Kaisers candragupta (ca. 322-298 v.Chr.) zugeschrieben wird. Neben Anweisungen für das Anlegen von Fluchtburgen zum Schutz des Landes und der Bevölkerung beschreibt ein ganzes Kapitel das Heer, das aus vier »Gliedern« besteht: den Elefantenkämpfern, den Wagenfahrern, den Reitern und dem Fußvolk: »Gegen ein Elefantenheer ist als Gegenheer am Platze ein Heer, das Elefanten, Kriegsmaschinen und Karren enthält und ausgerüstet ist mit Lanzen, Wurfspeeren, Bambusstangen und Spießen. Dasselbe Heer, hauptsächlich ausgerüstet mit Steinen, Knütteln, Schutzmitteln, Haken und Haarergreifern, ist das richtige Gegenheer gegen ein Wagenkämpferheer. Gegen Reiterei dasselbe Gegenheer, oder auch gepanzerte Elefantenkämpfer oder gepanzerte Reiter. Geharnischte Wagenkämpfer und Reiter und mit Abwehrmitteln ausgestattete Fußsoldaten sind die Gegentruppen gegen ein vierteiliges Heer (das aus Elefanten, Wagen, Pferden und Fußvolk besteht).« Über die Eigenschaften eines guten Heeres heißt es im gleichen Buch: »Die Vollkommenheit der Streitmacht ist diese: von Vater und Großvater vererbt, nicht wechselnd, gehorsam; die Kinder und die Frauen der Soldaten sind zufrieden; bei Kriegszügen in fremdes Land enttäuschen sie nicht; nirgends zurückgeschlagen; schmerzertragend; erprobt in vielen Schlachten; erfahren in der Wissenschaft aller Kampfwaffen ; treu, weil ihr eigener Gewinn und Verlust mit dem des Herrschers zusammenfällt; hauptsächlich aus Kshatriyas bestehend.«40

Daraus ist zu erkennen, daß die altindischen Heere nicht nur aus Kriegern bestanden, die der Kshatriya-Kaste entstammten, sondern auch aus Soldaten anderer Kasten wie der der Brahmanen, Vaishyas und Shüdras. Außerdem werden Stammtruppen, die aus dem eigenen Lande stammen, und Hilfstruppen aus anderen Gegenden erwähnt. Die verschiedenen Dienstgrade werden vom Feldherrn über die Offiziersränge bis hinab zu den Unteroffizieren, die eine Gruppe von zehn Mann führen, beschrieben.

Eine sehr wichtige alte Weisheit der Kriegführung, die sich nur aus langer Erfahrung ergeben haben kann und selbst in der Zukunft noch gültig sein dürfte, enthält schon das Gesetzbuch des Yäjnavalkya, das etwa ins 3. Jahrhundert v. Chr. gehört. Darin heißt es als Anweisung für den König: Bündnis, Krieg, Feldzug, Haltmachen, Schutzsuchen, Teilung des Heeres, alle

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diese Hilfsmittel soll er zweckmäßig anwenden. Am wichtigsten aber ist dabei die Regel, die wörtlich angeführt werden soll: »Wenn das Reich des Feindes mit Getreide und Hilfsmitteln versehen ist, dann ziehe er aus, und wenn der Feind schwach ist, er selbst aber Lasttiere und rüstige Männer hat.«41 Modern ausgedrückt bedeutet das, daß man denjenigen angreifen soll, der abgerüstet hat. Nach dieser Regel haben alle großen Mächte später verfahren, wie noch gezeigt werden wird.

In seiner Einleitung zur »Bhagavadgitä« sagt der moderne indische Kommentator S. Radhakrishnan, arjuna hätte eine pazifistische Haltung eingenommen und sich deshalb geweigert, an einem Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit teilzunehmen. Der Ausdruck »pazifistisch« scheint hier unangebracht, denn, wie Radhakrishnan selbst zugibt, der entscheidende Punkt liegt nicht in der Anwendung von Gewalt oder in der Gewaltlosigkeit, sondern in der Gewaltanwendung gegen die eigenen Freunde, mehr noch gegen die eigene Sippe, die eigenen Verwandten, was zur damaligen Zeit einen schweren Verstoß gegen die Blutsbande darstellte. Wohl besteht das Ideal der »Gita« in »ahimsä«, der Gewaltlosigkeit, wie es aus der Beschreibung des Vollkommenheits­zustandes von Geist, Rede und Körper in Kapitel 7 und aus der Beschreibung des Geistes eines Frommen in Kapitel 12 hervorgeht. Da die Welt jedoch so ist, wie sie ist, rät Krishna dem arjuna, ohne Leidenschaft, Böswilligkeit und Zorn gegen die eigene Sippe und ohne Anhänglichkeit an die Verwandten zu kämpfen. Durch diese Geisteshaltung werde die Gewalt zunichte. Sicher muß das Böse bekämpft werden, doch dieser Kampf führt zur eigenen geistigen Niederlage, wenn er von Haß geleitet wird. Die Vollendung ist nur zu erreichen, wenn man seine Pflicht, so bitter sie auch sein mag, erfüllt. Dies sagt Krishna dem arjuna fast wörtlich. Ganz richtig aber verweist Radhakrishnan darauf, daß, wenn wir im Geiste der Gita in Nichtanhäng­lichkeit und Opferbereitschaft handeln und sogar unsere Feinde lieben, wir dazu beitragen werden, die Welt von Kriegen zu befreien. Und zur Bestärkung seiner Aussage führt er das vedische Gebet an: »Möge all das, was da abscheulich, grausam und sündig ist, gestillt, möge alles gut und friedvoll für uns werden.«42

 

 

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Perser und Turanier

Wenden wir uns weniger ausführlich den Anschauungen der Perser und Turanier über den Krieg zu. Schon mehrfach wurde der Kampf der »Söhne des Lichtes« gegen die »Söhne der Finsternis« oder Ahuramazdas gegen Ahriman (Angra Main-yu), des Guten gegen das Böse, der Wahrheit gegen die Lüge, erwähnt, in dem schließlich Ahuramazda im Weltgericht den Sieg erringt. Diese Lehre hatte Zarathustra den Iraniern verkündet, dem Volk, aus dem später die Bhaktrer und Sogder, die Meder und Perser hervorgingen. Ab 1500 v. Chr. wanderten diese Iranier in zwei Wellen in die Hochebene zwischen den alten Hochkulturgebieten im Irak und Panschab ein, die etwa dem Bereich des heutigen Iran entspricht. Nach persischer Tradition lebte zarathustra etwa um 630 v.Chr. Die Griechen besaßen jedoch die sagenhafte Kunde, daß er bereits 5000 Jahre vor dem Trojanischen Krieg, etwa um 6200 v. Chr., gelebt habe. Die erst nach dem späteren zarathustra in Avesta niedergeschriebenen 16 Gathas oder Hymnen sind noch ein letzter Rest der eigentlichen Lehre des ersten zarathustra. Er hatte damit das dualistische Weltprinzip aufgestellt, das zum Sittengesetz der Perser werden sollte.43

Obwohl die Lehre zarathustras unter den Achaimeniden (521-330 v. Chr.) noch nicht offizielle Staatsreligion war – sie wurde es erst unter den Sassaniden (226-651 n. Chr.) –, mißbrauchte sie schon der persische Großkönig dareios I. (521-486 v.Chr.) zum Mittel seiner Politik. Er erklärte sich selbst zum Groß- und Gottkönig, zum Vertreter des Wahren und seine Gegner zu Lügnern. Zum ersten Mal in der Geschichte der Kriege kommt es damit zur politisch-ideologischen Kriegführung, bei der die Religionen der unterworfenen oder sich unterwerfenden Völker jedoch noch toleriert wurden.

Doch kehren wir zunächst noch einmal in die Zeit des ersten zarathustra, ins 7. Jahrtausend v.Chr., zurück. Diese Zeit nennt auch Rudolf Steiner als die des echten Religionsstifters zarathustra, der dort unter dem Schutz des iranischen Königs guschtasb lebte. Dieser verbreitete die großen Inspirationen des zarathustra über weite Gebiete. Zwischen guschtasb und ardschasb, zwischen Iraniern und Turaniern, entbrannte ein Krieg, der Jahrhunderte dauerte.44 Es wurde bereits von den Urturaniern, der vierten atlantischen Unterrasse, gesprochen, die unaufhörliche Kriege führte und sogar Frauenregimenter dazu einsetzte. Nach der Auswanderung aus der Atlantis saßen sie als Nomaden-Völkergruppen im Norden Vorderasiens bis nach Sibirien hinein. Nach Rudolf Steiner waren sie der

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Zauberei niederer Art und schwarzer Magie verfallen.45 Während es den Iraniern gelang, eine Hochkultur zu begründen, blieben die Turanier auf einer nomadenhaften Kulturstufe stehen. Ihre Nachfolger sind die Mongolen und heutigen Turkvölker. In dem zwischen guschtasb und ardschasb entbrannten jahrhundertelangen Krieg stand noch in ursprünglicher Weise das Gute gegen das Böse.

Wie sehr auch noch in erheblich späterer Zeit die Kriegführung der Iranier an religiöse Vorstellungen gebunden war, zeigt z.B. die Schlacht, die kya-xares (625-585 v.Chr.), der Begründer der modischen Großmacht, am Halys, der Grenze seines Reiches in Kleinasien, gegen alyattes, den König von Lydien, am 28. Mai 585 schlug. Dieser brach den bis dahin unentschiedenen Kampf ab, weil thales von milet eine Sonnenfinsternis vorausgesagt hatte. Auch die Kriege des späteren Perserreiches gegen Griechenland, auf die noch zurückzukommen ist, sind, wenn auch politisch pervertiert, von dem Gedanken der Eroberung der Welt für das Gute und damit der Strafexpedition gegen das Böse bestimmt.

Verteidigung und Verbreitung des Guten in Krieg und Frieden zwangen folgerichtig die Perser zur Aufstellung des ersten stehenden Heeres der Weltgeschichte. Dieses konnte wiederum nur durch ein gut funktionierendes Verwaltungs-, Post- und Währungssystem unterhalten werden. Im übrigen war die Vorstellung von der Bewahrung des Guten zum ersten Mal in der Weltgeschichte Grundlage einer toleranten Haltung gegenüber den unterworfenen Völkern. Darüber hinaus benötigte ein solches Heer, das rasch von einem Ende des Riesenreiches zum ändern bewegt werden mußte, ein vorzüglich ausgebautes Straßennetz. Alle späteren Militärvölker sind bis in die Neuzeit hinein diesem Beispiel gefolgt. Die Kerntruppen dieses Heeres bestanden aus Persern und Medern, die als Reiter dienten. Als Hauptbewaffnung führten sie den Bogen, eine Waffe, die nur der richtig zu führen vermag, der sehr viel Zeit für seine Ausbildung aufbringen kann. Es ist die typische Waffe des Einzelkämpfers. Auch das steht wieder in engem Zusammenhang nicht nur mit den Erfahrungen, die die Perser im Kampf mit ihren nomadischen Feinden gemacht hatten, sondern auch mit der Lehre des za-rathustra, daß jeder Einzelne sich für das Gute oder Böse entscheiden muß. Das mußte zwangsläufig zur Heranbildung des Einzelkämpfers führen, obwohl sich bald zeigen sollte, daß zu jener Zeit, bis zur Einführung der Feuerwaffen, der mit Fernwaffen Kämpfende dem im geschlossenen Gewalthaufen stehenden und mit Nahkampf­waffen ausgerüsteten Krieger unterlegen war. Ein besonderes Korps der Perser waren »die 10000 Unsterblichen«, die im Kampf als Elitetruppe dienten, im Frieden aber eine Art Adelsgarde des Großkönigs bildeten. In den bis heute erhaltenen Ruinen

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der Hauptstadt Persepolis sind diese Soldaten der Leibwache auf strahlend farbigen Reliefs aus glasierten Ziegeln dargestellt.

Die Vorstellung vom Großkönig als dem Vertreter Ahuramazdas führte bereits unter xerxes I. (486-465 v. Chr.) dazu, daß das persische Reich, die erste indoeuropäische Großmacht, zu einer orientalischen Despotie mit orientalischem Hofzeremoniell wurde, zu dem die Proskynese, der Fußfall mit Küssen des Bodens vor dem Herrscher, gehörte. Die Reichsuntertanen hatten dabei die Stellung von Sklaven, eine Gesellschaftsordnung, die schließlich auch den Untergang dieses Reiches besiegelte.

 

 

Sumerer

Um das Jahr 3000 v. Chr. begannen die Sumerer, das Land im Süden Mesopotamiens zu besiedeln. Ihre Herkunft ist noch immer unbekannt. Als erste gründeten sie im ganzen Land Stadtstaaten; politischer, religiöser und wirtschaftlicher Mittelpunkt dieser Städte waren die monumentalen, auf Hochterrassen aus Ziegeln errichteten Tempel. Der Stadtfürst (Lugal – »großer Mann«) war oberster Priester und zugleich Träger der Staatsgewalt. Während der frühdynastischen Zeit von 2800-2500 v.Chr. sickerten langsam Semiten in das Gebiet ein. Ein Oberkönig ergriff die Macht und erhob Nippur zum religiösen Zentrum. Die politische Macht trat nun neben die religiöse, und die Einheit von Staat und Tempel ging verloren. Die Städte begannen, sich durch Stadtmauern zu schützen. Diejenige von Uruk errichtete gilgamesch, von dem noch zu sprechen sein wird. Den auf Hochterrassen errichteten Tempel baute man zur Zikkurat aus, wobei mehrere aufeinandergesetzte und durch Treppen verbundene Stockwerke mit dem Tempel auf der Spitze den »Tempelturm« bilden. Gegen den letzten sumerischen Herrscher erhob sich in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. siegreich das Reich von Akkad.

Stets erklärten die Sumerer, sie hätten ihre überragenden Kenntnisse und Fertigkeiten von den Göttern ererbt. Aus ihren Inschriften geht hervor, daß für sie die Existenz der Götter unbezweifelte Realität war, wie im übrigen auch für alle anderen alten Völker. Ebenso kennen sie den Drachenkampf als Streit am Himmel, wobei Enki, der göttliche Herr der Erde, den Drachen von Kur besiegt. In den aufgefundenen und entzifferten Rollsiegeln beschreiben sie Gestalt und Entstehung der Stadt Sumer, die von den Göttern gegründet worden war. Auch alle späteren Ereignisse werden ihrem Einfluß zugeschrieben. In anklagenden Schriften machen sie jeweils die Könige oder

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Stadtfürsten für alles Unheil verantwortlich. Doch der wirkliche Grund lag nicht im Versagen der Stadtfürsten, sondern im Eingreifen der Götter, wie dies z.B. der Machtwechsel von Eridu auf Uruk belegt. Dabei raubte die Liebesgöttin Innana dem Gott Enki, der auch Herr des Wassers als Ursprung des Lebens ist, die hundert göttlichen Kräfte und brachte sie in ihre Stadt Uruk. Noch bis in die babylonische Zeit hinein wurden Sieg oder Niederlage der einen oder anderen Stadt der jeweiligen Stadtgottheit zugeschrieben. Bei Niederlagen wurde sogar die Stadtgottheit verflucht, wie z.B. bei der Eroberung von Lagasch.46 Das Epos »Enmerka von Arrata«, das noch älter als das Gilgamesch-Epos ist und sich auf den sagenumwobenen Herrscher von Uruk, der biblischen Stadt Erech, den Sohn des Sonnengottes Utu, bezieht, schildert geradezu die Liebesgöttin Innana, die den Arrata vernichten will, als Urheberin des Streits. Nicht der Mensch entfesselt und führt den Krieg in jener urfernen Vergangenheit, sondern der jeweilige Stadtgott. Typisch für die sumerische und semitische Auffassung ist, daß die Liebesgöttin zugleich Kriegsgöttin ist. Noch bei den Griechen und Römern besteht diese enge Verbindung, bei ihnen zwischen Ares und Aphrodite bzw. Mars und Venus. Mit diesen Personifikationen wurden die beiden gewaltigen und eng miteinander verknüpften Kräfte dargestellt, die die Geschehnisse auf dem irdischen Plan in Bewegung bringen.

Die Bewohner der sumerischen Städte fühlten sich noch nicht als Einzelpersönlichkeiten, sondern als Glieder ihrer Stadtgemeinschaft. Entsprechend dieser Auffassung kämpften sie auch in der geschlossenen Phalanx. Wie sie genau aussah, wissen wir nicht. Aus Darstellungen ist aber zu entnehmen, daß sie sehr breit und mehrere Glieder tief stand, nicht aber einem Gevierthaufen, ähnlich dem germanischen Keil, glich. Dem entsprach auch die Bewaffnung, die aus Lanzen bestand; einige Kämpfer trugen auch das Kampfbeil. Große viereckige und beschlagene Schilde sowie Schaffelle dienten dem Schutz gegen Fern- und Nahwaffen. Die Könige und Vornehmen aber kämpften nicht in der Phalanx, sondern in schweren, unbeholfenen Streitwagen, die von vier Wildeseln gezogen wurden. Daß der störrische Charakter dieser Onager die Gefährte wenig zuverlässig machte, läßt sich leicht vorstellen. Die Benutzung von Streitwagen deutet darauf hin, daß wohl sehr oft vor der Schlacht Zweikämpfe zwischen den Stadtfürsten und Vornehmen als Gottesurteile ausgetragen wurden. Ihnen gegenüber hatte die Phalanx wohl nur geringe Bedeutung. Im übrigen kennen wir die Ausrüstung und Bewaffnung der Sumerer nicht allein aus Abbildungen, sondern auch aus Königsgräbern, in denen man die Leichen von Leibgardisten oder Vornehmen in großer Zahl fand. Sie waren ihrem Herren vermutlich freiwillig in den Tod gefolgt.

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Die sumerische Phalanx, die Ausdruck des engen Zusammengehörigkeitsgefühls der Stadtbevölkerung war, mußte zwangsläufig in den akkadischen Kriegen unterliegen, die in einer neuen beweglichen Kampftechnik mit Wurfspeer, Pfeil und Bogen ausgetragen wurden. Das steht nur scheinbar im Gegensatz zu der oben behaupteten Überlegenheit des Nahkämpfers. Denn die so gegliederte Phalanx war, um erfolgreich zu sein, eng an das Gelände gebunden, wobei sie nach Möglichkeit rechts und links an natürliche Hindernisse angelehnt werden mußte. Darüber hinaus durfte sie niemals den Angriff der Bogenschützen stehenden Fußes abwarten. In diesem Fall wurde sie hoffnungslos zusammengeschossen, ging der Zusammenhalt verloren und konnten die mit Nahkampfwaffen ausgerüsteten Feinde leicht in die entstandenen Lücken und in die Flanken eindringen, wobei sich die Überlegenheit des ständig geübten Einzelkämpfers gegenüber der Stadtmiliz, wie wir sie mit einem modernen Ausdruck zu Recht nennen dürfen, bewährte. Erst die Griechen sollten das ganz begreifen.

Dennoch weisen die hier beschriebenen Waffen und das Kriegsgerät auf eine lange Geschichte ihrer Entwicklung hin. Wie weit sie zurückreicht, ist nicht zu bestimmen, es sei denn, man zieht eine Parallele zu den Germanen, denen Wotan die Kriegskunst lehrte. Besonders trifft das alles auf den Bau von Befestigungen zu, von denen oben im Zusammenhang mit der Stadt Uruk und mit gilgamesch gesprochen wurde. Die noch kurz vor der Mitte des 3. Jahrtausends von König gilgamesch errichtete doppelte Festungsmauer hatte eine Länge von fast zehn Kilometern und wurde durch etwa 900 Türme verstärkt. Wie wir heute wissen, geht die Kunst des Festungsbaus mit Mauern und Türmen zum mindesten bis in das 7. Jahrtausend v. Chr. zurück, als Jericho seine erste Befestigung erhielt. Diese Mauer war sogar durch einen 7 m breiten und beinahe 5 m tiefen Graben verstärkt. Die Steinmauer selbst war 1,75 m stark, die Türme besaßen einen Durchmesser von 9 m und haben noch heute eine Höhe von 8 m.47 Auch in anderer Hinsicht gibt uns das Fundmaterial der Ausgrabung des Palastes von assurbanipal (668-626 v.Chr.), dem Assyrerkönig, in Ninive so manchen wichtigen Hinweis auf das damalige Kriegswesen. So bezeugen die Inschriften z.B., daß die Mauer, der Tempel für den Gott Anu und dessen Tochter Ischtar, die Paläste und der Kornspeicher von Kriegsgefangenen und Sklaven errichtet wurden. Die Namen dieser Götter erscheinen in ihrer semitischen Form, da das erhaltene Gilgamesch-Epos in babylonischer, somit also semitischer Sprache abgefaßt wurde.

Bevor gilgamesch und sein Freund engidu für den Sonnengott Schamasch in das Land Elam gegen dessen Feind humbaba zogen, opferte die Mutter des Königs der Sitte gemäß am Altar des Sonnengottes und betete um

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die wohlbehaltene Rückkehr ihres Sohnes. Auch in diesen Kampf griff der Sonnengott zugunsten seiner Streiter ein. Als gilgamesch und engidu auf humbaba trafen, erklärte ersterer ausdrücklich, der Gott Schamasch habe ihn gesandt. Nach dem Sieg, der mit dem für die damalige Zeit modernen Schwert des Königs gegen den urtümlichen Streitkolben errungen wurde, trennte gilgamesch das gehörnte Haupt vom Leib des humbaba. Auch diesem Kampf lag der Gedanke des Streits des Guten gegen das mit Hörnern versehene Ungeheuer des Bösen zugrunde. Dann errichteten gilgamesch und engidu einen Altar für Schamasch, zündeten wohlriechende Hölzer an und verbrannten das Haupt humbabas. Den Körper ließen sie auf dem Feld zum Fraß für Geier, Schakale und Ameisen liegen. Die Tempeldienerinnen sangen und tanzten, die Bürger jubelten über den Sieg, und die Mutter des Königs brachte dem Sonnengott ein Dankopfer dar. Aus diesen Berichten ist wiederum zu erkennen, daß religiöse Zeremonien vor und nach dem Kampf abgehalten wurden. Der im Epos, das noch am Ausgang der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends geschrieben wurde, erwähnte Raub der Stadtgöttin Ischtar bestätigt, was vorher über die Rolle der Götter im Krieg gesagt wurde. Dies steht keineswegs im Widerspruch zu der von Rudolf Steiner erwähnten Tatsache, wonach der Raub der Stadtgöttin Ischtar dem Raub der Helena durch Paris vergleichbar ist: Die Priester der Stadt waren gefangengenommen worden, um in den Besitz ihrer Geheimnisse und der Macht der Stadt zu kommen.48

 

 

Akkader, Assyrer und Babylonier

Nur ganz summarisch kann nun noch auf die Ereignisse im alten Vorderen Orient eingegangen werden. Mit seinem bereits geschilderten und in der Kampfweise überlegenen Heer begründete sargon I. (um 2350-2300 v.Chr.) einen akkadischen Großstaat. Er selbst machte sich zum Gottkönig.* Die sumerische Göttin Innana von Uruk wurde zur Himmelskönigin Ischtar, die als Herrin von Arbela dort eine berühmte Orakelstätte hatte. Sie wurde auch später noch von den Assyrern und in Syrien unter dem Namen Astarte als Jagd- und Kriegsgöttin sowie als Mutter- und Liebesgöttin ver-

 

sargon I. eroberte auch die gerade entdeckte uralte Stadt Ebla, die etwa 50 km südlich von Aleppo in Syrien lag. Dort wurden u.a. auch vier Heldensagen in Versform sowie zwei Exemplare des Gilgamesch-Epos gefunden, die alle aus dem Sumerischen übersetzt waren.

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ehrt. Auch hier blieb die schon erwähnte enge Verbindung zwischen Liebe und Krieg aufrechterhalten. Dabei darf nicht übersehen werden, daß es sich um eine Göttin handelte. Die Vorstellung von der Verursachung von Kriegen durch das weibliche Geschlecht zieht sich von der sumerischen Göttin Innana über die Völker des Vorderen Orients, die Griechen und Römer bis hin zu den Germanen, wo diese Vorstellung schließlich im Streit der Königinnen kriemhild und Brunhild ihren irdischen Widerhall findet.

Nach der ersten Blütezeit des sumerischen und akkadischen Großreiches befreiten sich die von ihm unterworfenen Elamiter. Sie eroberten Ur und führten dessen König Ibbisin in die Gefangenschaft. Ein in den Trümmern der Stadt Nippur gefundenes Gedicht beklagt in bewegten Worten das Unglück des Sumererlandes:

Als sie zuschanden machten, als sie zerstörten Ruhe und Ordnung,
da rissen sie wie eine Sintflut alles mit sich.
Wozu, o Sumer, haben sie so dich verändert?
Die heilige Dynastie haben sie vom Tempel vertrieben,
sie haben die Stadt vernichtet, haben den Tempel zerstört,
sie rissen an sich die Herrschaft über das, Land.
Auf Geheiß des Enlil wurde jede Ordnung zerstört,
die Sturmesnacht des Anu raste übers Land und riß sie mit sich fort.
Enlil richtete das Auge auf ein fremdes Land. Der göttliche Ibbisin wurde
nach Elam verschleppt.
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Wie schon vorher, so sind es auch nach diesem Gedicht nicht die Elanliter, die die Sumerer besiegen, sondern die Götter Enlil und Anu.

Als besonders kriegstüchtig, aber auch über alle Maßen brutal tauchen dann, das Zweistromland erobernd, die Assyrer als semitische Völkerschaft in der Geschichte auf. Insgesamt bildeten sie drei Reiche, deren Herrschaft aber immer wieder durch andere Völker wie etwa die Babylonler und Churriter unterbrochen wurde, bis ihr neues Reich am Ende des 7. Jahrhunderts v.Chr. schließlich durch die Babylonier endgültig zerstört wurde. In ihren Kriegszügen folgten sie bewußt dem finsteren Hauptgott Aschur, der ihnen die brutale Unterwerfung, Massendeportation und Zerstörung der Volkssubstanz und des Nationalgefühls der unterworfenen Völker befahl. Ermöglicht wurde diese Kriegführung durch die von zuverlässigen Pferden gezogenen Streitwagen und die mit Panzern und großen Schilden geschützten und wahrscheinlich sechs Glieder tief stehenden Phalangen des Fußvolks. Außerordentlich große und kräftige Bogen, mit denen man zwischen 3oo und 4oo Meter weit schießen konnte, erhöhten die Schlagkraft der In-

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fanterie. Im Neuassyrischen Reich wurde im 8. Jahrhundert mit dem Bau schwerer Streitwagen, auf denen bis zu vier Bogen­schützen Platz fanden, diese Schlagkraft noch erhöht. Zuvor noch war aber eine Waffengattung eingeführt worden, die, wenigstens für die kommenden Jahrhunderte, die Überlegenheit im Kampfgeschehen sicherte: die Reiterei. Streitwagenkämpfer, Bogenschützen und die mit Schleudern ausgerüstete leichte Infanterie erschütterten den Feind so lange, bis er dem Ansturm des Fußvolks und der Reiterei nicht mehr standhalten konnte. Dies war um so leichter möglich, als alle Waffengattungen ein kurzes Schwert führten, mit dem der Feind im Nahkampf niedergehauen wurde. In hohem Maße verwendeten die Assyrer auch die psychologische Kriegführung, durch die sie den Feinden Furcht und Entsetzen einflößten. Zu ihren grausamen Methoden der Unterwerfung gehörten Massenhinrichtungen, Pfählen und Schinden.

Mit Sicherheit kann auch zum ersten Mal nachgewiesen werden, daß das Schlachtfeld nicht allein nach taktischen und strategischen Gesichtspunkten ausgesucht wurde, sondern vor allem so, daß ein Gottesurteil an heiliger Stelle herbeigeführt werden konnte. Auf diese Tatsache soll anhand der Feldzüge cäsars und einiger anderer Beispiele aus Griechenland und Germanien noch näher eingegangen werden. Als salmanassar in. seine Oberherrschaft im heutigen Syrien und Palästina festigen wollte, schlug er die Schlacht gegen hasael von aram bei der heiligen Stadt Tunip. Dieser im 9. Jahrhundert durchgeführte Feldzug zwang im übrigen einen Teil der Phönizier zur Auswanderung aus Syrien, was dann zur Gründung der Stadt Karthago führte.

Als Beispiel für die grausame Art der Kriegführung durch die Assyrer sei ein Bericht des im 7. Jahrhundert v.Chr. regierenden asarhaddon, des damaligen Königs von Assur, angeführt: »Ich zerstörte Sidon bis auf die Grundmauern. Seine Wälle und Häuser trug ich ab und warf sie ins Meer. Mit Hilfe meines Gottes Assur [sic!] fing ich Abdi-Milkutti, der vor meinen Wachen geflohen war, wie einen Fisch aus der See und ließ ihn köpfen... Dann reorganisierte ich die ganze Provinz und setzte einen meiner Beauftragten als Gouverneur über sie. Er legte ihnen größere Tributzahlungen auf als früher. Einige seiner Städte wie Marubbu und Sarepta gab ich Baal, dem König von Tyros.«50

Die Leichtigkeit, mit der die Assyrer die befestigten Städte ihrer Feinde nahmen, ist vor allem darauf zurückzuführen, daß sie als erste eine eigene Pioniertruppe besaßen, die es verstand, Stadtmauern zu unterminieren und zudem hervorragende Belagerungs­maschinen, darunter vor allem bewegliche, die Mauern überragende Türme, zu konstruieren, und zwar lange vor den Griechen, die sich - wie so oft - einer Erfindung rühmten, die sie gar

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nicht gemacht hatten. Allerdings waren sie in dem Vorteil, daß man ihre Schriften leichter und früher lesen konnte als die akkadischen Keilschrifttafeln der Assyrer.

Wie die Assyrer mit der besiegten Stadtbevölkerung verfuhren, läßt die Schilderung des bereits erwähnten salmanassar über die Eroberung von Ugarit ahnen: »Jahr vier. Den Städten des Nikdime (und) Nikdiera näherte ich mich. Sie wurden erschreckt durch meine mächtigen, furchteinflößenden Waffen und meine grimmige Kriegführung (und) warfen sich auf das Meer in weiden­geflochtenen [?] Booten-. Ich folgte ihnen in Booten -, focht eine große Schlacht auf dem Meere, brachte ihnen eine Niederlage bei, und mit ihrem Blut färbte ich das Meer wie Wolle.« Zugleich haben wir hier die erste Schilderung einer Seeschlacht.51

Nicht viel anders als die Assyrer verhielten sich auch die auf sie folgenden Babylonier. Doch immer ist dabei zu bedenken, daß nicht nur Mord- und Raublust den Grund zu dieser Art der Kriegführung abgaben, sondern die Vorstellung jener Könige und Völker, daß sie damit den Willen ihrer Götter erfüllten. Ja, als sichtbares Zeichen dieser Tatsache führten die Assyrer das Bild ihres finsteren Kriegsgottes Aschur mit in die Schlacht und stellten es in jeder eroberten Stadt anstelle des besiegten Gottes auf. Mit Blick auf die Geschichte ist es aber durchaus möglich, daß ihnen die Sumerer in diesem Verhalten vorangingen; zumindest waren die auf Reliefs abgebildeten Feldzeichen, die in der Schlacht mitgeführt wurden, Symbole ihrer Götter. Darüber hinaus kann jedoch bei den Assyrern mit Sicherheit - bei anderen, früheren Völkern handelt es sich lediglich um eine Vermutung - festgestellt werden, daß ihre militärischen Führer zugleich Priester waren. Ein Hinweis auf den gleichen Sachverhalt bereits im 3. Jahrtausend bei den Akkadern ist dadurch gegeben, daß Sargon I., der große Erobererkönig, ein niedriggeborener Priester der Kriegsgöttin Ischtar war.

Entsprechend dieser religiösen Auffassung vom militärischen Führungsamt hatte das assyrische Wort für »Rebell« auch die Bedeutung »Sünder«. Neben dem Priester als Offizier waren die Schreiber für den Unterhalt und die Führung des Heeres von wesentlicher Bedeutung. Die Assyrer besaßen ein stehendes Heer, zu dem alle erwachsenen Männer eingezogen wurden, wenn auch Reiche sich durch Sklaven ersetzen lassen konnten, indem sie sich loskauften. Vor allem aber war allein durch die Schreiber eine regelmäßige und gute Versorgung des Heeres, selbst auf Feldzügen in entferntesten Gebieten, möglich. Ihnen oblag auch die Verteilung der Beute am Ende des Feldzuges. Nicht zu unterschätzen für den militärischen Erfolg der Assyrer ist auch die ausschlaggebende Bedeutung des Nachrichtendienstes, den Schreiber überall, auch im Ausland, aufbauten und in dem sie als »Füh-

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rungsoffiziere« dienten. Vergleichen wir dies mit der Zeit der Inder und Perser, so ist festzustellen, daß sich nach den Königen und Heroen nun die Priester und Schreiber als verantwortliche Einzelpersönlichkeiten auch im Heerwesen herausschälten.

 

 

Hethiter

Wiederum gilt es, das Rad der Geschichte um ein paar Jahrhunderte zurückzudrehen. Um etwa 2000 v. Chr. stoßen die Hethiter und Luvier nach Zentralkleinasien vor. Die Hethiter sind das älteste uns bekannte indogermanische Kulturvolk, obwohl der Name Hethiter nicht indogermanisch, sondern uns aus der Bibel und der assyrischen Geschichtsschreibung bekannt ist. Nach schweren kriegerischen Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bevölkerung gründen sie ein Reich in Anatolien. An der Spitze dieses typisch indogermanischen Feudalstaates steht der König, der Labarna; dieser Name war der des Gründers des alten Hethiterreiches, der dann zum Titel wurde. Nach seinem Tod wurde der Labarna jeweils vergottet. Er war oberster Richter, Priester und Kriegsherr. Eine fast ebenso starke Stellung hatte die Königin inne. Ein Blutsadel bildete den freien Stand der Krieger, dessen Einfluß jedoch später auf orientalische Weise durch Beamte zurückgedrängt wurde. Dies war nicht zuletzt eine Folge der ständigen innenpolitischen Wirren, die von diesem Adel ausgingen. Im Gegensatz zu den orientalischen Völkern war die Kriegführung der Hethiter weniger brutal. Das gleiche trifft für die Gesetzgebung zu, die vor allem Geld- und Freiheitsstrafen kannte. Die Rechte von Mann und Frau waren geschützt. Aus den Keilschrifttexten erhalten wir die erste schriftliche Kunde von den griechischen Achäern, die die Hethiter Ahhijava nannten. Um 1200 v.Chr. brach ihr Reich unter dem Ansturm der Seevölker zusammen. Auf den durch die Untersuchungen von Immanuel Velikovsky ausgelösten Streit um die genaue Datierung dieser Ereignisse soll hier nicht eingegangen werden, da er für unser Thema kaum Bedeutung hat.

Auch beim indogermanischen Volk der Hethiter beginnt der Krieg mit dem großen Drachenkampf des Gewittergottes gegen die Himmelsschlange Illuyanka. Dabei durchstürmen große schwarze Vögel die Staub- und Nebelschwaden, die über der Erde hängen, Steine und Felsbrocken prasseln zu Boden, und die Menschen verstecken sich angsterfüllt in Höhlen. Dann aber verschwindet Virta, »das Versperrende«, und das Licht der Sonne bricht sieghaft hervor.52

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Vom Ursprung des Krieges auf der Erde zeugt bereits die Aussage des ersten geschichtlich belegten Königs der Hethiter noch vor der Gründung des alten Hethiterreiches um 1640 v.Chr. Wiederum spielen dabei nicht die Menschen, nicht einmal der König die Hauptrolle, sondern ein Gott: »Danach habe aber Ich, Anitta, der Großkönig, den Gott Schiuschummi von Zaipura zurück nach Nescha geführt... Und die Stadt Hattuscha benagte der Hunger... da übergab der Gott Schiuschummi... und in der Nacht nahm ich sie im Sturm.« Das geschah im Jahr 1715 v.Chr.53 HATTUscHili I., der Nachfolger des ersten labarna und Gründer des alten Hethiterreiches, berichtet von seinem Feldzug nach Nordsyrien, wo er überall die Feinde geschlagen und deren Götter hinauf zur Sonnengöttin Arenna gebracht hat.54 Selbst der sonst sehr materialistisch eingestellte Verfasser des Buches über die Hethiter, aus dem wir gerade zitiert haben, Johannes Lehmann, muß zugeben: »Wenn wir diesen Bericht wegen der Gold- und Silberschätze als reinen Beutezug auffassen [gemeint ist der Feldzug in Nordsyrien], so liegt das daran, daß wir uns in die Vorstellungswelt jener Tage nicht mehr hineinversetzen können. Damals ging es nicht nur um »Schätze«, sondern auch um den Besitz der Götter. Wer einer Stadt ihre Götterbilder wegnehmen konnte, der hatte Gewalt über die Stadt [sic!].«55 Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Fast beliebig groß ist jedoch die Zahl der Beispiele, die hier bestätigend aus den Keilschriften der Hethiter angeführt werden könnten.

Oben wurde bereits darauf hingewiesen, daß es bei den Hethitern viele Aufstände und Revolutionen gab. Doch bei diesen Aufständen, soweit es sich um Aufstände des eigenen Adels handelt, werden die Götter niemals erwähnt. Sie erscheinen erst wieder, wenn nach schweren Wirren und nach Königsmorden die Ruhe im Innern wiederhergestellt ist, wie z.B. im Edikt des Telipinu, das um 1460 v. Chr. entstand und einen Akt der Staatsreform darstellte. Anders ging man dagegen vor, wenn die Aufstände von fremden Völkern ausgingen. Dann wurden deren Götterstatuen als erste zerstört.

Aus der Zeit der Hethiter besitzen wir auch den ersten eingehenden Bericht über eine bereits im Ansatz geplante, d.h. rangierte Schlacht, nämlich die Schlacht von Kadesch (Fig. I a-d), die von einigen um 1285, von manchen um 1288 und von anderen um 1290 v.Chr. angesetzt wird. Sie fand zwischen den Ägyptern des Pharao ramses II. und den Hethitern des Königs mumatalli (andere lesen muwatallis) statt. Daß es auch vorher schon solche rangierten Schlachten gegeben hat, läßt sich aus Felsbildern und ägyptischen Stelen erschließen. Etwa 20.000 Ägypter unter ramses II. Standen auf der Höhe des Gebirges von Kadesch am Oberlauf des Orontes, als ihm zwei Überläufer meldeten, der König der Hethiter habe Angst vor ramses. Darauf rückte dieser weiter in Richtung auf Kadesch vor, wo ganz

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Abb.: 
Fig.1: Schlacht bei Kadesch

 

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in der Nähe der Hethiterkönig mit 12000 Hethitern und etwa 8000 Mann Hilfstruppen im Hinterhalt lag. ramses hatte seine Truppen in vier »Divisionen« geteilt. An der Spitze der Division Amon überschritt ramses den Orontes bei Schabtuna, etwa 10 km südlich von Kadesch. Das übrige Heer sollte in größerem Abstand folgen. Die Hethiter gingen daraufhin über den Fluß nach Osten, wandten sich aber sofort wieder nach Süden, so daß die Stadt zwischen ihnen und dem Feind lag und sie von ihm nicht gesehen werden konnten (s. Fig. 1a). Mit einer außerordentlich geschickt angesetzten Bewegung, bei der der Fluß wiederum überschritten wurde, stießen die Hethiter von Südosten gegen die Kräfte des ramses vor und sprengten sie auseinander. Der Pharao war damit abgeschnitten und sah sich einer starken Übermacht gegenüber. Der Rest seiner anderen »Divisionen« hing noch so weit im Süden zurück, daß er mit ihrem Eingreifen in die Schlacht vorerst nicht rechnen konnte. Gestützt auf die Festung Kadesch, griffen nun die Hethiter die zweite ägyptische Division, Re, an. Die Überraschung war vollkommen, und die Division wurde in zwei Teile zerschlagen (s. Fig. 1b). Ein Teil dieser Division flüchtete in das Lager, in das sich der Pharao nördlich Kadesch zurückgezogen hatte. Mit etwa 17.000 Mann, der hethitischen Phalanx und den Streitwagen, wurden sie dabei verfolgt. Inzwischen floh die Division Amon weiter über das Lager hinaus, in dem ramses nur noch mit seiner Leibwache stand (s. Fig.1c). In der Mitte konnte er den Hethitern nicht widerstehen, doch die Hethiter bewahrten die notwendige Disziplin nicht und begannen, das Lager zu plündern. Dieses Plündern galt natürlich dem Beutemachen, aber Beute hieß zur damaligen Zeit auch und in erster Linie, daß man nach den Götterstatuen suchte, vor allem, um damit den Sieg zu vervollständigen. Daß die Ägypter die Götterstatuen mitführten, ist mit Sicherheit anzunehmen, ganz davon abgesehen, daß sie ja auch ihre Divisionen nach den Göttern Amon, Re und Ptah benannt hatten. In dieser verzweifelten Lage entschloß sich ramses II. zum Gegenangriff. Die bisher in ihren Bereitstellungsräumen stehenden kanaanitischen Truppen na'aruns fielen den plündernden Hethitern mit einer zehn Glieder tief stehenden Schlachtordnung in die Flanke. Unterstützt von den technisch überlegenen Streitwagen, zwangen sie die Hethiter zum Rückzug über den Orontes. Damit hatten sie ein starkes Hindernis zwischen sich und den Feind gelegt. Als am Abend auch noch die Division Ptah auf dem Schlachtfeld erschien, blieb den Hethitern nichts anderes übrig, als sich nach Kadesch in die Festung zu werfen und sich auf die Belagerung vorzubereiten (s.Fig.1d). Doch daran dachten die Ägypter nicht mehr. Ihre Verluste waren so hoch, daß sie sich zum Rückzug entschlossen. Strategisch gesehen hatte der Pharao damit eine Niederlage erlit-

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ten, wenn es auch fast nach einem taktischen Sieg aussah. Eher darf man die Schlacht als unentschieden bezeichnen, wenn auch der Pharao sich auf seinen Stelen eines glänzenden Sieges rühmte.

Zweifellos fand diese Schlacht an einer Stelle statt, die auch heute noch taktisch und strategisch als geeignet angesehen würde. Daher war Kadesch auch seit langem als Festung ausgebaut worden. Zu jener Zeit jedoch war, wie in der Folge zu zeigen sein wird, keineswegs diese taktisch und strategisch wichtige Lage für die Wahl des Schlachtortes ausschlaggebend. Eine Stadt war im Altertum eben nicht nur eine Stadt, die zu ihrer Verteidigung dann auch als Festung ausgebaut wurde. In erster Linie war sie, wie wir bereits verschiedentlich gehört haben, religiöser Mittelpunkt und Sitz eines wichtigen Gottes oder auch mehrerer Götter. Es ist daher naheliegend festzuhalten, daß auch diese Schlacht als Gottesurteil zwischen den Ägyptern und Hethitern angesehen wurde.

Werfen wir einen Blick auf die Truppenstärke der beiden Seiten, so stellen wir fest, daß die Kräfte, die jeweils etwa 20000 Mann betrugen, an unseren Verhältnissen gemessen außerordentlich gering waren. Sehr oft stehen die tatsächlich auf den Inschriften festgehaltenen Zahlen und diejenigen, die später von den antiken Historikern angegeben wurden, im Widerspruch. Aber mehr Truppen ins Feld zu führen, war aus Versorgungsgründen selbst zwei solchen Großreichen wie denen der Hethiter und Ägypter nicht möglich. Man sollte nie vergessen, daß zur Versorgung eines solchen Heeres von 20.000 Mann ungeheure Wagenzüge notwendig waren, besonders dann, wenn es zum Teil durch Wüstengegenden ging. Außerdem mußten große Viehherden zur Verpflegung mitgetrieben werden, was die Bewegungen außerordentlich verlangsamte. Genauso mußte auf österreichischer Seite noch im vorigen Jahrhundert, bis zur Schlacht von Solferino von 1859, die Versorgung sichergestellt werden, während Österreichs Feinde, die Franzosen, damals bereits über Konserven verfügten, was ihnen eine überlegene Beweglichkeit verlieh. Ganz abgesehen von der Verpflegung benötigte ein antikes Heer natürlich noch eine ganze Menge anderer Dinge, die mitzuführen waren, wie z.B. Ersatzwaffen, Speere, Pfeile, Schildbezüge, weiter Feldschmieden, vor allem auch für die Streitwagen, Ersatz von Bekleidungsteilen usw. Das Schanzzeug für den Lagerbau darf ebensowenig vergessen werden wie das Gerät zum Überschreiten von Flüssen, wozu z.B. aufblasbare Ziegenhäute und Boote gehörten. Anders wäre das oftmalige Überschreiten von Flüssen während des taktischen Geschehens nicht möglich gewesen, wenn man einmal von dem vielen Ausnutzen von Furten absieht.

 

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Ägypter

Nach dieser Schilderung der Schlacht von Kadesch ist es an der Zeit, auf die Vorstellungen der Ägypter von Krieg und Kriegführung etwas näher einzugehen. Auch das soll wieder in Schlaglichtern und ohne strikte Einhaltung der Chronologie geschehen. Im wesentlichen beschränkt sich unsere Schilderung auf das Alte, das Mittlere und das Neue Reich, also auf einen Zeitraum zwischen etwa 28 50 bis 715 v. Chr. An der Spitze des Staates steht der Pharao (»großes Haus«) als absoluter und erblicher König. Er ist die Inkarnation des Falkengottes Horus, seit der IV. Dynastie, d.h. noch im Alten Reich, wird er auch als Sohn des Sonnengottes Re verehrt. Der Pharao ernennt die unter einem obersten Minister stehenden Beamten, aus dem alten entmachteten Adel die Schreiber und teilt das Land in Gaue und Gaufürsten ein. Mit dem Neuen Reich (15 70-715 v. Chr.) wird Ägypten zur führenden Großmacht und erreicht seine größte räumliche Ausdehnung. Danach steht es zunächst unter äthiopischer Fremdherrschaft und gehört im folgenden Jahrhundert, nach der Eroberung durch assurbanipal, zur assyrischen Provinz. Nach einer nur knapp hundert Jahre dauernden Zeit der Freiheit erliegt es 525 v.Chr. den Persern. Im Jahr 332 v.Chr. erobert alexander der grosse Ägypten, und 30 v.Chr. beginnt die römische Herrschaft.

Noch einer der letzten Könige aus jener Priestergruppe, die nach der Eroberung der Herrschaft über ganz Ägypten durch den libyschen Söldnerführer Scheschonk (in der Bibel sisak genannt) nach Nubien ausgewandert waren, um dort um 750 v.Chr. einen theokratischen Staat mit der Hauptstadt Napata zu errichten, bekennt von sich: »Gott hat meine Existenz von ihren Uranfängen her geplant. Der göttliche Same ist in mir. Ich schwöre bei meinem ka, daß ich nicht ohne sein Wissen handle. Er allein bestimmt mein Handeln.«56 Trotz der Erklärung, nur nach dem Willen Gottes zu handeln, sprechen die Pharaonen nun zum ersten Mal in der Geschichte auch von sich selbst als den Handelnden und Kriegführenden. Allerdings ist dabei zu bedenken, daß sie als Inkarnation des Gottes Re angesehen wurden. So erklärte Pharao kamose, der das Land von den Hyksos befreite: »Ich habe sofort alles genommen und nichts zurückgelassen. Avaris ist verwüstet. O, gemeiner Aamu [gemeint sind die Hyksos], der immer wiederholte. Ich bin ein Fürst ohnegleichen von Khmunu [Hermopolis in Mittelägypten] bis Pi-Hathor [in der Nähe von Ismailia], an Avaris vorbei, das am Nil liegt. Ich habe all das zerstört. Es gibt niemanden [der mich aufhalten könnte]. Ich habe ihre Städte zerstört, ihre Keller sind rote

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Ruinen für alle Ewigkeit um des Bösen willen, das sie Ägypten angetan haben, ich werde sie die Schreie der Aamu hören lassen, die Ägypten beleidigt haben, ihre Geliebte.«57 Das geschah etwa um das Jahr 1570 v.Chr. Dennoch läßt thutmosis III. rund hundert Jahre später auf einer Granitstele den Gott in zehn Versen sprechen, von denen nur der erste wiedergegeben werden soll:

Ich kam. Ich ließ die großen Männer von Djahi niederstampfen.
Ich verstreute sie zu deinen Füßen, entlang ihren Bergen.
Ich ließ sie Deine Majestät in der Pracht ihres Schmuckes sehen.
Du lodertest in ihr Gesicht wie mein Bildnis.
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Noch immer sahen die Ägypter eine Schlacht als Gottesurteil an. Dies beweist insbesondere die Schlacht bei Megiddo, die thutmosis III. 1480 v.Chr. zur Zerschlagung einer syrisch-palästinensischen Koalition unter dem König von Kadesch schlug, den er den »gemeinen gefallenen Mann von Kadesch« nannte. Auf seinem Vormarsch nach Norden hielt er im Tal des Esdradon Rat und sprach seine Soldaten wie folgt an: »Der gemeine gefallene Mann von Kadesch ist gekommen..., mir ist berichtet worden, daß er sagte: >Ich warte auf den Kampf hier in Megiddo.<  Sagt mir, was ihr denkt.«59 Dies zeigt, daß Schlachten nach ganz bestimmten Regeln und Gesetzen geführt wurden, die man vorher verabredete. Nur so war das Gottesurteil möglich. Über die Einhaltung dieser Gesetze wachten die Götter. Vor der Schlacht von Megiddo bat der König von Kadesch thutmosis, ihm den Tag seines Angriffs zu nennen. Damit war jede Überraschung ausgeschlossen. Auch der erwähnte König aus der Hauptstadt Napata erteilte noch im 1. Jahrtausend v.Chr. seinen Truppen folgenden Tagesbefehl: »Nachts sollen keine Angriffe stattfinden, sondern Ihr müßt, den Regeln entsprechend, beim Kampf gesehen werden können. Kündigt den Kampf aus der Entfernung vorher an. Sagt der Feind, daß sich die Soldaten oder Reiter irgendeiner Stadt verspätet haben, dann wartet, bis seine Armee vollständig ist. Kämpft, wenn er Euch zum Kampf auffordert. Sind seine Verbündeten noch nicht am Platz, so wartet auf sie. Was die Fürsten, seine Verbündeten, die Libyer, seine treuen Kampfgefährten, betrifft: kündigt ihnen die Schlacht an, indem Ihr sagt: Wie immer Euer Name lauten möge, Ihr, die Ihr die Truppen befehligt, zäumt die besten Pferde in Euren Ställen auf, bezieht Eure Positionen. Ihr werdet erfahren, daß uns der Gott Amon schickt.«60 Nichts kann wohl besser die Schlacht als Gottesurteil kennzeichnen als dieser Befehl, zumal sie wiederum an einer heiligen Stelle, einem den Göttern geweihten Paß stattfand. Diese heilige Stelle lag am Nordhang des

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Berges Karmel. Wenn in modernen Berichten darauf hingewiesen wird, daß diese Stelle auch taktisch und strategisch außerordentlich wichtig ist, wie es später das Verhalten napoleons I. und Allenbys an diesem Ort beweist, so ist das zwar richtig, besagt aber für die alte Zeit noch nicht einmal die halbe Wahrheit. In ihrer ganzen Bedeutung läßt sich eine solche alte Schlacht nur dann bewerten, wenn man sie vor dem Hintergrund sieht, der das gesamte Leben der Frühzeit bestimmte, nämlich dem Glauben an die Götter und der Einbindung des Lebens in die Religion.

In Ägypten gab es kein stehendes Heer, doch waren alle Männer bis zur Hyksos-Invasion wehrpflichtig. Darüber hinaus besaß der Pharao eine persönliche Leibwache, die sich wohl aus gefangenen Libyern und Sudanesen zusammensetzte. Zu den Streitkräften hatte jeder Gaufürst ein bestimmtes Kontingent zu stellen. Die ägyptische Miliz war im Mittleren Reich in Einheiten gegliedert, deren Stärke je nach Auftrag variierte. Ziemlich gleichbleibend war jedoch der sog. Angriffsverband, der sich aus drei »Kompanien« zu je einhundert Mann zusammensetzte. Sie kämpften mit Lanze, Streitäxten und im Neuen Reich auch mit Schwertern. Ihre Angriffsformation war die Phalanx. Die ägyptischen Streitwagenkämpfer, die allerdings erst nach der Niederlage gegen die Hyksos aufgestellt wurden, bildeten Verbände. Sie griffen in Einheiten zu je fünfzig Wagen unter einem Führer an und trieben den Feind vor sich her. Wurfspeere und der damals schlachtentscheidende Bogen waren die Hauptwaffe, mit denen sie die Feinde erschütterten. Ohne diese Erschütterung des Feindes und ohne das Schaffen von Lücken in der feindlichen Phalanx wäre es wohl nicht möglich gewesen, die Pferde in die waffenstarrende Mauer der Feinde zu bringen. Das sollte sich noch bis in die Neuzeit, in die Zeit Napoleons hinein zeigen, denn keiner Kavallerie der Welt gelang es, in die rasch gebildeten und feuerspeienden Karrees der Infanterie einzudringen. Lediglich bei der dünnen Linientaktik des 18. Jahrhunderts konnte die Reiterei entscheidende Erfolge erzielen. Seiner Natur entsprechend scheut nämlich das Pferd vor dem fest stehenden Mann und versucht, ihm auszuweichen. Den Kern des ägyptischen Heeres bildeten aber nicht die zu den Waffen gerufenen Bürger. Zum Aufstellen einer schlagkräftigen Armee benötigte man Söldnertruppen, die größtenteils aus Nubien stammten oder ähnlich wie im 18. Jahrhundert aus Gefangenen rekrutiert wurden, denen man dadurch in Ägypten Tod und Sklaverei ersparte. So erklärt sich auch die Maßnahme, daß diese Truppen nach Beendigung eines Feldzuges in Lager marschierten, in denen sie ihre Waffen abliefern mußten. Dort blieben sie mit ihren Frauen und Kindern bis zum Ausbruch eines neuen Krieges oder Feldzugs und erhielten dann erst wieder ihre Waffen.

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Die ägyptischen Heere dürften 20-30000 Mann niemals überschritten haben. Die Gründe dafür wurden schon angeführt. Demnach ist z.B. der Bericht aus dem Alten Testament, 2.Chron. 12,2-3, maßlos übertrieben, in dem es heißt: »Aber im fünften Jahr des Königs Rehabeam zog herauf Sisak, der König m Ägypten, wider Jerusalem (denn sie hatten sich versündiget am Herrn) mit tausend und zweihundert Wagen und mit sechzig tausend Reitern, und das Volk war nicht zu zählen, das mit ihm kam aus Ägypten, Libyer, Suchiter und Mohren.« Selbst die Zahl der Streitwagen dürfte 500 niemals überschritten haben. Auch eine Reiterei wurde erst am Ende des Neuen Reiches aufgestellt. Feldzüge und Schlachten wurden vorher und nachher von Gottesdiensten und Opfern begleitet. Übliche »Nebenwaffen« waren, wie in früherer Zeit und bei anderen Völkern auch, magische Verfluchungen des Feindes, die von den Priestern ausgesprochen wurden. Gefangene ließ man als Opfer hinrichten, wenn sie als Sklaven oder Soldaten keine Verwendung finden konnten. Handelte es sich um Fürsten, so vollzog der Pharao die Hinrichtung oft selbst.

Einen weiteren Einblick in die Vorstellungen, die eine Schlacht beherrschten, bietet uns die Bibel mit der 2.Chron. 8-14 (nach Martin Luther): »Es zog aber wider sie aus Serah, der Mohr, mit einer Heereskraft, tausendmal tausend, dazu drei hundert Wagen, und sie kamen bis gen Maresa. Und Asa zog aus, ihm entgegen; und sie rüsteten sich zum Streit im Tal Zephatha bei Maresa. Und Asa rief an den Herrn, seinen Gott, und sprach: Herr, es ist bei dir kein Unterschied, zu helfen unter vielen, oder da keine Kraft ist. Hilf uns, Herr, unser Gott; denn wir verlassen uns auf dich, und in deinem Namen sind wir kommen wider diese Menge. Herr, unser Gott, wider dich vermag kein Mensch etwas. Und der Herr schlug die Mohren vor Asa und vor Juda, daß sie flohen. Und Asa samt dem Volk, das bei ihm war, jagte ihnen nach bis gen Gerar. Und die Mohren fielen, daß ihrer keiner lebendig blieb, sondern sie wurden geschlagen vor dem Herrn und vor seinem Heerlager. Und sie trugen sehr viel Raubs davon. Und er schlug alle Städte um Gerar her; denn die Furcht des Herrn kam über sie. Und sie beraubten alle Städte; denn es war viel Raubes drinnen. Auch schlugen sie die Hütten des Viehs, und führten weg Schafe die Menge und Kamele, und kamen wider gen Jerusalem.« Wie Immanuel Velikovsky zwingend nachweist, wurde diese Schlacht von Maresa, dem heutigen Moreseth Gath, zwischen dem ägyptischen Pharao amenophis n., der in der Bibel als der Mohr oder Äthiopier Sserah beschrieben wird, und asa, dem König von Juda, geschlagen. In einem phönizischen Gedicht, das Velikovsky ebenfalls zu seiner Beweisführung heranzieht, wird der biblische Serah Terah genannt.61 Dem biblischen Text ist zunächst einmal zu entnehmen, daß vor der Schlacht Gott

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der Herr angerufen wurde. Der eigentliche Sieger ist dann auch Gott selbst: »Und der Herr schlug die Mohren...« Daß die Ägypter Mohren genannt werden, ist nicht verwunderlich, denn es handelte sich bei ihnen um Söldner, die zum großen Teil aus Äthiopien, Nubien, Libyen und anderen Gegenden Afrikas kamen. Die in der Bibel und in dem erwähnten phönizischen Gedicht angegebene Stärke der beiden Parteien darf natürlich nicht wörtlich genommen werden. So spricht die 2.Chron. 14,7 z.B. von 300.000 Schild- und Spießträgern aus Juda und 280.000 mit Schilden geschützten Bogenschützen aus Benjamin. Das wären zusammen 580000 Mann. Demgegenüber bestand die ägyptische Streitkraft aus 1000 mal 1000, d.h. aus einer Million Mann.

Solche Zahlen sagen nur aus, daß es sich um verhältnismäßig starke Streitkräfte handelte; mehr als 20.000 Fußkämpfer und vielleicht 300 Streitwagen dürften es aber auf keinen Fall gewesen sein. Im Grab des Amenken ist nach einem Hinweis von Velikovsky amenophis II. dargestellt, wie er Waffen besichtigt, die als Geschenk an seine Offiziere verteilt werden. Dabei handelt es sich um 360 kupferne Sichelschwerter und 140 bronzene Dolche. Sicher sind dabei nicht alle Beutewaffen dargestellt, doch läßt die verhältnismäßig geringe Zahl dieser als Geschenk verteilten Waffen auf eine wesentlich geringere Truppenstärke schließen, als sie in der Bibel und in dem Gedicht angegeben wird. Unbarmherzigkeit gegen den Feind und Plünderung, wie sie in der Bibel beschrieben werden, gehörten zur damals üblichen Art Kriegführung; abe


   

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